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Journalismus zwischen den Zeilen

SpaceTech – Vom Meeresgrund ans Himmelszelt

Gepostet Von am Mai 29, 2015 in Blog | Keine Kommentare

SpaceTech – Vom Meeresgrund ans Himmelszelt

 

Die Firma „SpaceTech“ hat vor einigen Jahren ein Tsunamifrühwarnsystem entwickelt, das Autor Florian Gehm für das Jahrbuch „Leben am See“ nach Immenstaad führte. Doch mittlerweile hält es die 82 Mitarbeiter nicht mehr am Boden. Stattdessen geht es heute quer durchs Weltall — immer noch im Dienste ziviler Klima- und Umweltforschung. Wie das funktioniert, erzählt eine Geschichte von Laserstrahlen, Rucksäcken und dem Grundwasserspiegel.

„Das Tsunamifrühwarnsystem wurde schon entwickelt, lange bevor ich selbst im Unternehmen tätig war“, erklärt Dr. Kolja Nicklaus am anderen Ende der Leitung. Er ist durchaus verwundert, dass ausgerechnet dieses System der Aufhänger für diesen Artikel sein soll. „Wissen Sie“, sagt er, „mittlerweile sind wir deutlich gewachsen und das Frühwarnsystem ist nur ein kleiner Bestandteil der Aufträge, die wir bekommen haben.“ Ich wittere, meine Geschichte könnte an diesem Punkt ihr jähes Ende finden, doch eine Woche später stehe ich am Stadtrand von Immenstaad vor zwei neuen, hellen Gebäuden, welche die 2004 gegründete Firma mittlerweile beherbergen.

„Als ich 2010 den Wunsch hatte, in die Space-Branche zurückzukehren, habe ich SpaceTech eher zufällig gefunden“, sagt Nicklaus. Ich stimme ihm nickend zu — auf dem Hinweg habe ich mich dreimal verfahren. Doch so versteckt das Unternehmen liegt, so spannend ist die Geschichte, die dahinter steckt. Im Jahr 2004 beziehen Bernhard Doll und Jost Munder zuerst zu zweit, etwas später dann mit drei weiteren Mitarbeitern, eine alte Gärtnerei ganz in der Nähe des heutigen Firmensitzes. Über 20 Jahre lang haben die beiden erst bei Dornier, dann bei Astrium gearbeitet, kennen die Branche und kehren doch ihren gutbezahlten Managerposten den Rücken. Selbst bestimmen zu können, was sie tun wollen, lautet damals das Motto der Ausgründung. 2008 entsteht mit 15 Mitarbeitern das erste neue Gebäude, 2014 expandiert die Firma ein weiteres Mal und Frank Gilles, Mitarbeiter der ersten Stunde, wird neuer Gesellschafter.

ISS (Quelle NASA)

In der Zwischenzeit ist auch Nicklaus ins Unternehmen eingestiegen. 2010 kommt der studierte Physiker an den Bodensee, nachdem er bereits während seiner Promotion in Aachen mit dem Geschäftsfeld in Kontakt gekommen ist. Als Ingenieur steigt er ein — mittlerweile ist er mitverantwortlich für die Geschäftsfeldentwicklung, für Projektakquise und die mittelfristige Ausrichtung des Unternehmens. Ein wenig Schuld also daran, dass es in diesem Artikel nicht nur um ein Tsunamifrühwarnsystem gehen wird.

Draußen regnet es, wie schon seit Wochen, doch man könne hier durchaus Seeblick und Bergpanorama erahnen, sagt Nicklaus, als wir uns zusammensetzen. Schnell lerne ich, dass sich das Unternehmen noch viel besser für das Oberthema „Umwelt und Klima“ anbietet, als ich eigentlich erwartet habe. „Über das Jahr hinweg gesehen ist SpaceTech energieautark“, erklärt Nicklaus nicht ohne Stolz. Bohrungen unter jedem Gebäude fördern Erdwärme, die Solarzellen auf dem Dach leisten ihren Beitrag. „Im Sommer kommen wir so auf eine Überproduktion und speisen zusätzlichen Strom in das Netz ein“, beschreibt er weiter. Wenn sich schon nicht der Seeblick erahnen lässt, kann man wenigstens die zwei Elektroautos neben den Firmenfahrrädern auf dem Parkplatz erkennen. „Wir wollen zeigen, dass auch High-Tech-Unternehmen mit geringem Aufwand Energie sparen können. Dieser Ansatz war mitbestimmend beim Ausbau der neuen Gebäude. Hier funktionieren sogar die WC-Spülungen mit Regenwasser“, sagt Nicklaus lachend mit Blick aus dem Fenster.

„Bei dem Regen könnte wohl auch der Bodensee bald ein Tsunamifrühwarnsystem gebrauchen“, scherze ich. Damit kennt man sich hier aus, denn schnell nach Gründung hat man ein solches System für das Geo-Forschungszentrum in Potsdam entwickelt. „In gewisser Weise liefern wir mit unseren Projekten und Bauteilen einen Beitrag zu verschiedensten Beobachtungsmethoden, um die Erde zu erforschen“, berichtet Nicklaus. So hat man auch damals an der Meeresoberfläche und am Meeresgrund vor den Küsten von Thailand und Indonesien Erdbebensensoren im Meer platziert, kleine Bojen, die Erschütterungen genau erfassen und ihre Messwerte über Ozeanleitungen an Land bringen. „Dort steht dann ein Zentralrechner, der eine Tsunamiwarnung ausrufen kann, wenn die Daten vom Standard abweichen“, erläutert Nicklaus. Zusätzlich zu den Informationen in Funk und Fernsehen vibrieren dann auch die Handys in betroffenen Regionen und melden per SMS die nahende Gefahr. Doch der Weg von der Boje am Meeresgrund in den Weltraum scheint mir ein sehr großer Sprung. „So weit sind diese aber von den technischen Herausforderungen aber gar nicht voneinander entfernt. Satelliten im Weltraum sind genauso wie Bojen am Meeresgrund extremen Bedingungen wie hohem Druck oder Vakuum und extremen Temperaturen ausgesetzt, und müssen über lange Zeit autark funktionieren“, schlägt Nicklaus die Brücke zu den aktuellen Projekten.

Vakuumtest eines GRACE FO Messinstruments

Ungewöhnliche Umgebungen scheinen ein passendes Stichwort zu sein für die Bauteile und Geräte, auf die sich SpaceTech mittlerweile konzentriert. Bereits beim Betreten des Firmengebäudes, sehe ich Satelliten auf Postern um die Erde kreisen, Generatoren Energie produzieren und erkenne die eine oder andere Formel, die mich in Erinnerung meines Physik-Unterrichts zu Schulzeiten erschaudern lässt. Zum Zeitpunkt der Entwicklung des Frühwarnsystems noch ein kleines Startup, scheint SpaceTech zu einem ‚erwachsen Unternehmen‘ geworden zu sein.

„Das Jahr 2012 war besonders wichtig für uns“, erklärt Nicklaus sogleich und berichtet von zwei entscheidenden Aufträgen, welche die Immenstaader Firma heute in die Tiefen des Weltraums führen. Eines der großen Projekte, erneut im Auftrag des Geoforschungszentrums in Potsdam, beschreibt Nicklaus als „Erdschwerefeldbestimmung“ — zwei Satelliten umkreisen dabei im Abstand von etwa 200 Kilometern den Globus und vermessen alle 30 Tage die komplette Erde. „Genauer gesagt, lässt sich an der Änderung der Erdanziehungskraft der Wassertransport auf der Erde beobachten“, berichtet Nicklaus. „So kann man die saisonale Änderung der Feuchtigkeit in der Sahara analysieren, das Abschmelzen der Polkappen beobachten oder den dramatischen Grundwasserabfall in Kalifornien verdeutlichen. Die Satelliten erkennen, wenn sich in einem Bereich von 400 Kilometern der Wasserspiegel um nur einen Zentimeter hebt oder senkt.“ Wer diese Daten erhebt, der kann langfristig verstehen, wie sich die Wasserkreisläufe auf unserem Planeten verändern, welche menschlichen Eingriffe sie beeinflussen — und daraus Klimamodelle für einen wirksamen Umgang mit der Erderwärmung erstellen. „Die Mission GRACE Follow-On ist ein deutsch-amerikanisches Projekt, das gemeinsam mit der NASA durchgeführt wird und Nachfolger einer bereits seit 2001 laufenden Mission ist, deren Ende kurz bevor steht.“, berichtet Nicklaus. Aktuell arbeitet SpaceTech mit am Bau eines passenden Nachfolgeinstruments. Es wird den Abstand der Satelliten auf 100 Nanometer genau messen können und die Genauigkeit der Vorgängermission noch weiter verbessern. Ich presse meine Fingerkuppen aufeinander und versuche mir vorzustellen, wie groß ein Nanometer wohl sein wird — es ist ein Millionstel Millimeter, erfahre ich und gebe auf.

Vogel mit nur ein paar Gramm schwerem Sensor Rucksack zur Positionsbestimmung aus dem Weltraum (c) Christian Ziegler

Bevor wir weiter die Köpfe zusammenstecken, will Nicklaus mir zeigen, wie SpaceTech funktioniert. 82 Arbeitsplätze schaffte das Unternehmen in den letzten zehn Jahren, erklärt er, während wir uns den Weg durch Labore und Testanlagen bahnen. Wenn ich an die Unternehmensgründungen denke, die in den letzten Jahren aus meiner Universität hervorgegangen sind, kommen mir Kekse, Fernbusse und Schmuck aus dem 3D-Drucker in den Kopf. Wie man eigentlich ein Weltraum-Startup wird, will ich wissen. Nicklaus stimmt zu, der Werdegang des Unternehmens sei etwas untypisch. Den Anfang findet SpaceTech über Beratung, gibt das Wissen weiter, das sich Doll und Munder über 20 Jahre hinweg erarbeitet haben. Mit dem Wachstum kommen auch die technischen Aufträge. Etabliert hat sich SpaceTech schließlich über den asiatischen Markt — über Japan, Südkorea und Taiwan. Als die Aufträge aus Asien laufen, interessieren sich zunächst die Türken, dann die Deutschen und schließlich die Europäische Raumfahrtbehörde ESA für das Unternehmen am Bodensee. „Die ESA hat die höchsten Anforderungen in der gesamten Branche“, erläutert Nicklaus. „Wer Aufträge von ihnen bekommt, hat quasi ein Gütesiegel und ist als Hersteller in der Branche anerkannt.“

Während wir einige Mitarbeiter treffen, mit Schraubenschlüsseln in der Hand oder bei der Arbeit hinter der Fräse, frage ich Nicklaus erneut nach dem Thema Klima — nicht nach dem Regen vor der Tür, sondern dem Klima hinter den Mauern der Firma. „Das Arbeitsklima ist hier sehr positiv“, antwortet er.. „Wir haben keine Stechuhren sondern Vertrauensarbeitszeit und bieten die Möglichkeit, auch aus dem Home-Office zu arbeiten, was aktiv gelebt wird.“ Während wir durch die Gänge gehen, fällt mir auf, dass keine Bürotür verschlossen ist, niemand geht ohne ein freundliches Wort an uns vorbei. Wer sich umschaut, der könne noch einen Billard-Tisch entdecken, einen Tischkicker, einen Bouleplatz — sogar einen Poker-Abend habe es letztens in der Kantine gegeben, berichtet Nicklaus. „Wir sind zwar nicht Google, aber wir wollen definitiv mit möglichst viel Freiheit und Vertrauen zusammenarbeiten“, sagt er.

Ein weiteres Mal setzen wir uns im Besprechungsraum zusammen und ich lerne „ICARUS“ kennen, ein Projekt, das SpaceTech für das Max Planck Institut für Ornithologie in Radolfzell durchführt. Anders als es die griechische Mythologie vermuten lässt, geht es nicht um die Nähe zur Sonne, sondern ein weiteres Mal um den Einsatz von Satelliten — zur Vogelbeobachtung aus dem Weltraum. „Für Klima- und Umweltforschung ist es durchaus interessant, das Verhalten von Tieren ganz genau zu studieren“, führt Nicklaus aus. Mittels der Vogelbeobachtung aus dem Weltraum lässt sich unter anderem präzise herausfinden, wenn Vögel ihre Flugrouten verändern. Und daraus kann man wiederum Rückschlüsse auf menschliche Einflüsse oder Klimaänderungen ziehen.

„Im Projekt ICARUS werden Vögeln kleine Rucksäcke umgeschnallt, die aus einem GPS-Sender und -Empfänger, einer Solarzelle und einer Batterie bestehen“, erklärt er das Projekt. Was schwer klingt, wiegt tatsächlich nur fünf Gramm und ist damit schon bald für die Verhaltenserforschung vieler Vogelarten geeignet. Denn ähnlich Systeme bringen bisher über 50 Gramm auf die Waage und kommen gleichzeitig nur auf eine 20-tägige Lebenszeit. „Ein Vogel kann aber nur etwa fünf Prozent seiner Masse tragen. Mit der Weiterentwicklung machen wir deutlich kleinere Tiere verfolgbar und bauen gleichzeitig ein System, das bis zu ein Jahr ohne Wartung auskommt“, beschreibt Nicklaus. Innerhalb der nächsten zwei Jahre wolle man entsprechende Gegenantennen an der Internationalen Raumstation ISS anbringen, um die ausgerüsteten Vögel weltweit verfolgen zu können.

GRACE Zwillingssatelliten mit Illustration des Erdschwerefelds.(Quelle GFZ, Astrium)

Denn schon heute mache man sich das Verhalten von Tieren zum Katastrophenschutz zunutze, erörtert Nicklaus. „Am italienischen Ätna, dem aktivsten Vulkan Europas, tragen Ziegen solche Rucksäcke. Ziegen verhalten sich bereits sechs Stunden, bevor irgendwelche Sensoren einen Ausbruch erahnen lassen, so auffällig, dass man die drohende Gefahr aus ihrem Verhalten ablesen kann.“ Auch für Erdbeben oder Tsunamis ließe sich diese Technologie weiterdenken, sagt Nicklaus. „Und sogar der Mensch könnte, trotz aller Handys, irgendwann über einen Satelliten mit der Außenwelt im Notfall kommunizieren, wenn er in den Alpen eingeschlossen ist.“

Weiterdenken — das ist ein Wort, das Nicklaus schon von Berufswegen gefällt und bereits zehn Jahre nach Gründung denkt auch SpaceTech schon an die Zukunft. Seit Neuestem habe man sich auch in das Projekt „MERLIN“ eingeklinkt, eine deutsch-französische Methangasmission, berichtet Nicklaus. In einem Unterauftrag für Airbus entwickle man hier gemeinsam ein Instrument zur Messung der Methangaskonzentration; schließlich sei Methan das Klimagas Nummer Eins und die größten Quellen dafür zu finden von höchstem Interesse. „Doch die große Vision von SpaceTech ist der eigene, kleine Satellit von A bis Z“, sagt Nicklaus begeistert. Was ich mir zugleich als Ersatz zum Smartphone vorstelle, wiegt in Wirklichkeit aber bis zu 400 Kilo — könnte aber trotzdem auch für die Kommunikation von Privatpersonen bald interessant werden. „Ganz konkret überlegen wir, das ICARUS-Projekt weiter auszubauen“, beschreibt Nicklaus. „Unser Plan wäre es, eigene ICARUS Satelliten zu bauen. Denn die ISS ist zwar viel unterwegs, bietet aber noch keine wirklich weltweite Abdeckung. Auch der Ausbau unserer Sparte Laser-Optik-Instrument treibt uns an um uns langfristig als Hersteller von anspruchsvollen Instrumenten und Satelliten zur Erdbeobachtung zu etablieren.“

Ich bin immer noch überrascht, in welche Weiten mich die ursprüngliche Idee des Tsunami- Frühwarnsystems geführt hat. Wer dank aktueller Berichterstattung bei Satelliten vorschnell an Drohnen und kriegerische Handlungen denkt, der täuscht sich — diesen Gegenbeweis führt die Immenstaader Firma jeden Tag aufs Neue. Für die zivile Nutzung arbeite man hier, das sei auch einer der Gründe gewesen, die ihn zu SpaceTech geführt haben, sagte Nicklaus. Auch meine Gedanken kreisen noch, als ich mich auf den Rückweg zum Parkplatz mache. Ich schaue auf, als ich am besagten Billardtisch vorbeikomme. Zwei Mitarbeiter diskutieren in wildem Englisch, welchen Weg die nächste Kugel nehmen muss. Wie Satelliten umkreisen sie sich jetzt auf dem Filz-Tisch, bis endlich eine der Kugeln ihren Weg ins Ziel findet. Der Feierabend naht, die beiden klatschen sich ab — es hat aufgehört zu regnen.

 

Text: Florian Gehm
Fotos: mit freundlicher Genehmigung der SpaceTech GmbH Immenstaad